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Prescreening von „La Chana“ – Dokumentarfilm von Lucija Stojevic in Wien

Gestern Abend habe ich „La Chana“ gesehen – den wunderbaren Dokumentarfilm über diese unglaubliche, fast unwirkliche und doch so echte Flamencotänzerin Antonia Santiago Amador, „La Chana“. Organisiert wurde der Filmabend im Kulturraum Neruda von der Wiener Peña Flamenca La Granaina. Sie haben auch gleich Beatriz del Pozo dazu eingeladen, die ein paar einleitende Worte gesprochen hat und danach für Fragen zur Verfügung stand. Großartig!

Für den Tanz geboren

Antonia Santiago Amador, La Chana, wurde 1946 in Barcelona geboren und eroberte mit ihrem rohen Flamencostil und ihrer unglaublichen Zapateado-Geschwindigkeit voller komplexer Rhythmen riesige Flamencobühnen im Sturm. Immer wieder betonte sie in Interviews, dass das, was sie tanze, komplett improvisiert wäre; dass sie der Musik, den Rhythmen folge und dann… tja, dann… tanzt sie.

Der Film zeigt in Interviewszenen, Alltagseinblicken und Ausschnitten ihrer großartigen Auftritte den rasanten Aufstieg der Gitana „La Chana“. Damals herrschten, erzählt sie, noch viel ausgeprägter als jetzt eherne Gitano-Gesetze zwischen Mann (Bestimmer, Entscheider, Eigentümer) und Frau (Stille, Eigentum). Eigentlich wäre es gänzlich unmöglich gewesen, dass sie als junge Frau als Tänzerin auftritt. Und dennoch musste es geschehen! Nur duch große Überredungskunst ihres Onkels, dem Gitarristen „El Chano“, gab ihr Vater letztendlich die Erlaubnis dazu. Sie eroberte nicht nur im Sturm die Bühnen und das Publikum – sie war der Sturm.

Peter Seller engagierte sie für seinen Film „The Bobo“ – hier ein Ausschnitt daraus:

Es schimmert immer wieder durch, dass das mit den Gitano-Mann-Frau-Gesetzen nicht funktionierte. Und irgendwann erzählt La Chana von gebrochenen Rippen. Und dass sie sich nur während des Tanzes frei und bei sich selbst gefühlt hat. Dass der frenetische Applaus für sie oft bedeutete, dass ihre freie Zeit zu ende wäre. Dass sie einsam war, weil sie mit niemandem über ihr Doppelleben, über den jahrelangen Missbrauch und ihre Unterdrückung sprechen konnte. Dass sie alles hatte und ihr Mann ihr alles nahm. Er zwang sie zum Rücktritt am Höhepunkt ihrer Karriere und verließ sie und die gemeinsame Tochter ein paar Jahre später. Er nahm alles mit und La Chana tanzte sich zurück an den Erfolg. Was für eine unglaubliche Frau! Und was für eine Tänzerin. Wirklich, ihr müsst euch La Chana anschauen – wenn schon nicht in echt bei einem ihrer raren Auftritte im Sitzen, dann unbedingt auf YouTube.

Jetzt lebt sie mit ihrem neuen Mann und ihrem zimtfarbenen Hund in einem Haus außerhalb Barcelonas… und tanzt weiter.

Sie kam zurück! La Chana bei Flamenco Empírico in Barcelona

Nach langer, sehr, sehr langer Pause kam La Chana 2010 im Rahmen vom Festival „Flamenco Empirico“ / Ciutat Vella (Barcelona) wieder auf eine Bühne zurück. Sie tanzte sitzend. Ich erinnere mich gut daran. La Chana, oooohhh, ein Zauber lag in der Luft, denn La Chana ist eine lebende, glitzernde, blühende Legende. Ihre SchülerInnen pilgern zu ihr, um Unterricht zu nehmen…

La Chana bei Flamenco Empirico, Barcelona. Kuratiert von Juan Carlos Lérida.

Ich habe damals Juan Carlos Lérida, den Kurator des Festivals „Flamenco Empírico“ gefragt, warum er La Chana eingeladen hat. Und wie er dieses Kunststück geschafft hat, sie wieder auf eine Bühne zurück zu holen nach so langer Zeit. Das Interview erschien in der ¡anda! im August/September 2010 und ist Teil eines längeren Berichts, den ihr hier nachlesen könnt.

anda: Wie kam es dazu, dass La Chana beim zeitgenössischen Flamencofestival teilgenommen hat – eine Legende der Tradition?

Juan Carlos Lérida: Ich suchte für die zweite Auflage eine Verbindung zwischen der Tradition und dem Zeitgenössischen. La Chana ist für den Flamenco außergewöhnlich wichtig. Obwohl sie ihre Bühnenkarriere vor 20 Jahren beendete gibt sie nach wie vor Unterricht – und zwar aus gesundheitlichen Gründen sitzend auf einem Stuhl. Dieses Bild hat mich beflügelt. Ich habe allerdings befürchtet, dass mein Wunsch, sie in meinem Festival zu haben, unerfüllt bleiben würde – viele haben sie vor mir schon gefragt, ob sie nicht wieder auftreten wolle und sie hat immer abgelehnt. Ich wollte ihr wenigstens gesagt haben, wie wichtig ihr Tanz und ihre Erfrahrungen sind und wie wertvoll es ist, dass sie diese nach wie vor weitergibt. Und dann hat sie zugesagt. Sie hat sich wohl in meinem Festival wiedergefunden.

Und was hat sie darauf geantwortet, dass du sie zu zur Improvisation eingeladen hast?

“Hijo, improvisieren ist das, was ich mein Leben lang getan habe”. Das hat mich darin bestärkt, dass eine Weiterentwicklung im Flamenco nicht notwendiger Weise aus der Zerstörung kommen muss, sondern aus der Kreation ausgehend von neuen Orten und Blickwinkeln. Eigentlich ist das genau das, was ich mit meinem Festival erreichen will: Neue Orte und Blickwinkel bieten – für die KünstlerInnen und das Publikum. Und La Chana auf einem Sessel sitzend und tanzend war daher kein Akt von Dekadenz sondern genau das Gegenteil. Dem Publikum bot sich die Möglichkeit, das subtilste und poetischste der Flamencokunst zu erleben, La Chana von einer anderen Seite zu sehen. Sie ist eine der großartigsten Künstlerinnen, die sich ständig voller Mut neuen Risiken ausgesetzt hat, um ihren Flamenco voranzutreiben. Das ist für mich eine zeitgenössische Einstellung einer traditionellen Künstlerin.

La Chana 2016 mit Rocio Molina

2016 lud Rocío Molina La Chana zu sich auf die Bühne – und schrieb am folgenden Tag eine Notiz auf facebook:

Hablaré ahora de mi Diosa! Mi inspiración…ella tiene su Dios por el que vive, baila y ama, pero ella no sabe que para mi mi Diosa es ella, te adoro Chana! Y no sé explicarlo, pero yo quiero ser como tu baile! Gracias es poco lo que te puedo decir, tanto yo, como el público y artista que tuvimos el honor de verte, nos dejaste locos de arte. Los flamencos no debemos olvidar a esta gran bailaora jamás en nuestras vidas. Chana, de mayor quiero ser como tu… (Rocío Molina, Notiz auf facebook)

Hier eine wunderbare „Homenaje a La Chana“ von Rocío Molina

Im Interview mit Flamenco Divino (Susanne Zellinger) erzählt die Filmemacherin über ihre Arbeit am Film. Das gesamt Interview ist hier auf Flamenco Divino zu lesen.

Beitragsbild: Samuel Navarete.