Eine Person in einem weißen Kleid mit roten Tupfen und roten Schuhen. Ein paar Tupfen sind auf dem Boden

Voll modern aber nicht neu: Tupfen, Punkte, Polka Dots – Lunares

Jetzt (ähm, also seit ein paar Monaten schon) ist es also wieder soweit: Modemarken werben massiv mit gepunkteter Kleidung… Tupfen auf Schuhen, Hosen, Tüchern. Und da liegt es doch auf der Hand, gleich auch mit Flamenco zu werben – denn: Tupfen und Flamenco, das gehört mindestens zusammen.

Fast verschlafen

Screenshot der neuen Camper-Kampagne Bailemos! auf Instagram
Screenshot der Kampagne Bailemos! von Camper (auf Instagram).
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Diesmal ist der Trend lange an mir vorbei gegangen – bis mir Anja Abels eine Werbung der Schuhfirma Camper geschickt hat. Anja und mich verbindet (unter vielem anderen) auch eine lange Flamencogeschichte. Sie hat meine Tupfen-Projekte aus der ersten Reihe miterlebt.

Die Camper-Kampagne hat den treffenden Titel ¡Bailemos! (also: lasset uns tanzen) und ist Flamenco-inspiriert. Na gut, schaue ich mir das also wieder an (und vor allem: hole ich meine Tupfen wieder aus dem Kasten!).

Auch schön die Frage vom Spiegel: Was verbindet Clowns, Flamencotänzerinnen und moderne Popstars?

(Anm.: ich finde die Frage soooo lustig, weil ich glaube: viel mehr, als nur Punkte!)

Screenshot eines Beitrags in der Spiegel über Polka Dots.
Screenshot des Beitrags „Die »Polka Dots« sind zurück – was hinter dem Trend steckt“ von Noémi Tortell • 04.05.2025, 07.46 Uhr.
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Das erinnert mich an etwas … von früher … von mir. Meine Tupfen-Projekte.

Ich bin schon mal tief versunken in rote Tupfen (literally). Begonnen hat es 2012. Ich habe mir ein Projekt gesucht (oder: hat es mich gefunden? Das weiß man in der Kunst ja nie so genau. Einigen wir uns auf: Plötzlich musste ich da etwas tun!): Ich nannte es LUNARES, also: Tupfen, Polka Dots, auf spanisch – und habe mir die Tupfen im Flamenco(tanz) angeschaut. Im Laufe der Recherche hat sich herausgestellt, dass ich sie als Metapher für Grenzen und Begrenzung verwenden will.  Räumliche Grenzen und historische, traditionsbehaftete Begrenzung. Als eine Definition von Raum und Dimension. Zum Glück hab ich damals so freizügig über meine Ideen gebloggt – hier könnt ihr das nachlesen

Video LUNARES – Geräusch und Tupfentagebuch: gezeigt in Barcelona, 2012

Screenshot YouTube Video LUNARES von Julia Petschinka
Screenshot des Videos LUNARES (Geräusch- und Tupfen-Tagebuch) von Julia Petschinka
Link zum Video auf YouTube

Das Tupfen-Projekt wurde ein Video (ein Geräusch und Tupfentagebuch), das für das Festival Flamenco Empirico 2012 ausgewählt wurde und im Teatre Mercat de les Flors in Barcelona gezeigt wurde. Ich habe dazu auch eine Performance getanzt (da war ich schon hochschwanger, also kugelrund. 3D-Tupfen sozusagen).

 

 

 

Pilar Albarracín und ihr Stück LUNARES

Pilar Albarracin in ihrem Stück LUNARES von 2004 https://www.pilaralbarracin.com/videos/videos13.html
Foto von Pilar Albarracín – LUNARES (2004). https://www.pilaralbarracin.com/videos/videos13.html

Irgendwann treffen alle, die sich mit zeitgenössischer Flamencokunst auseinandersetzen auf SIE! <3 Bei mir war es so: Juan Carlos Lérida, einer der Kuratoren des Festivals Flamenco Empirico, mit dem ich mich viel über meine Kunst und meine Fragen ausgetauscht habe, hat mir eines Tages einfach einen Katalog von Pilar Albarracín geschickt und mir von ihrem Stück LUNARES erzählt. Sie hat das 2004 gemacht und ich hatte einfach noch nie was von ihr gehört gehabt. Ja, das kann passieren. Ich war dann jedenfalls schockverliebt und das hält noch immer an. Schaut mal hier: Pilar Albarracín / LUNARES. Tupfen im Flamencokontext und aus dem Blickwinkel des Schmerzes… Tupfen aus echtem Blut! iconic.

 

Take Away Flamenco – und eine performative Intervention beim Flamencofestival in Düsseldorf, 2014

Foto von Valeska Gert unter roten Tupfen, Teil des Projekts "Take Away Flamenco" von Julia Petschinka
Take Away Flamenco
Mehr über das Projekt 

Ich hatte nach der Arbeit am Video LUNARES und nach der Performance in Barcelona ein Tupfenkleid ohne Tupfen und einzelne ausgeschnittene Tupfen. Und ich hatte das Bild, dass vieles gleich „sehr Flamenco“ wird, wenn ein paar Tupfen im Spiel sind. Daraus wurde die Idee etwas zu entwickeln, mit dem man ganz einfach seine Umgebung „flamenkifizieren“ konnte. Man musste einfach nur ein paar rote Tupfen streuen… Also ging ich in Produktion und entwickelte das Projekt „Take Away Flamenco“, das ich auch bei der Home Edition des Festivals „Flamenco Empirico“ präsentierte.

(Anm.: die Home-Edition war ein von mir initiiertes Online-Community-Projekt für alle zeitgenössischen Flamenco-Künstler:innen, die nicht vor Ort in Barcelona sein konnten – dazu gibt es zB hier mehr zu lesen: Home Edition 2013, Home Edition 2014)

Natürlich mussten diese kleinen Flamenco-Dosen voll Lunares auch irgendwie unter die Leute kommen – und das machte ich dort, wo Flamenco-Leute en masse waren: während des Flamencofestivals 2014 im Tanzhaus NRW (Düsseldorf). Die Kuratorin Dorothee Schakow ließ mich mit einem Bauchladen, meinem tupfenlosen Tupfenkleid und vielen Flamenco-Dosen vor der letzten Vorführung (und vollem Haus) durch den Saal gehen und laut meine Ware anpreisen:

„Flamenco, Flaaamenco! Rote Punkteee, für zu Hause! Klein, mittel, groß! rot und rund!“

Was in den Wochen danach passierte, war zauberhaft: einige posteten ihre flamenkifizierte Umwelt auf Social Media… es war schön.

Die Obsession hört dann ja nicht sofort auf

Ein Kopf unter einem Kilo roter Konfetti
Video-Still aus der Ankündigung für das Festival „Coetani“, 2015. Zum Video auf YouTube

War es danach vorbei mit Tupfen? Well…

Die Obsession hört ja nicht so schnell auf! Als mich Yiota Peklari nach einem kurzen Video als Ankündigung für ihr Festival „Coetani – experimental Flamenco Festival“ in Athen gebeten hat, hab ich mir zwei Kilo rote Tupfen gekauft und mich damit zugeschüttet. Zu Tupfen könnte man natürlich auch auch Konfetti sagen – wo wir wieder beim Zusammenhang zwischen Clownerie und Flamenco wären, hehehe.

Und jetzt? Was ist nun mit den Tupfen, Julia?

Auftritt Julia Petschinka (Tanz) und Jele (Gesang und Gitarre) in der Salon Kitty Revue. Foto: Sandro Humi-Wagner
Auftritt Julia Petschinka (Tanz) und Jele (Gesang und Gitarre) in der Salon Kitty Revue. Foto: Sandro Humi-Wagner

Ich habe einen Schatz: ein Flamencokleid aus den 1980er Jahren, das ich beim ersten Flamencoflohmarkt der Peña Flamenca La Granaina gekauft habe. ORIGINAL FLAMENCO von damals, als rote Tupfen wiedermal das Ding waren und man alles sehr üppig gestaltete.

Für mein aktuellstes Projekt „Flamenco Burlesque“ habe ich dieses Kleid aus dem Archiv geholt. Weil ich genau das zeigen wollte: Typisch Flamenco auf den ersten Blick! Und weniger typisch, aber dennoch Flamenco – auf den zweiten Blick! (Im Foto sieht man den ersten Blick, hehehe, und Jele an der Flamenco-Gitarre, eine Alegría singend).

Tupfen aus dem Kasten holen

Neben meinem Flamenco-Schatz sind da noch ein Kilo kleine rote Tupfen in meinem Kasten (ich weigere mich, sie Konfetti zu nennen, weil … Kunstprojekt und so) und… ähm… das war es. Wo sind meine Tupfen-blusen? Meine Tupfen-Schals? Tupfen-Röcke? Tupfen-Tupfen?

Ich fürchten, in einem Moment des Aussortierens wurden diese Stücke wohl auch aussortiert… Scheint so, als hätte ich irgendwann genug von Tupfen gehabt.

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Ich habe mir eine Jeans mit Tupfen gekauft.

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Ich habe in meinem Warenkorb: eine Tupfen-Bluse, ein Tupfen-Tuch, eine Tupfen-Sportjacke.

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ich versuche, zu widerstehen!