Ich sags gleich, damit ich es nicht später irgendwo argumentieren muss: Das war ein ganz besonderer Abend in Wien in der Peña Flamenco, La Granaina! Die Flamencotänzerin Carina La Debla kam aus Sevilla, um auf Einladung von Barbara La Flamenkita eigentlich nur Workshops zu geben. Das war aber eine ideale Gelegenheit, um ihr eine kleine Bühne und uns die Gelegenheit zu bieten, ihren Tanz zu erleben.
Pocket Concerts: klein und oho!
Der Wiener Flamencoverein Peña Flamenca La Granaina hat dazu ein passendes Format: Die Pocket Concerts. Das sind intime, kleine, hochwertige Live-Konzerte an ungewöhnlichen Orten. Der Ort dieser Flamenco Pocket Concerts ist der Vereinssitz der Peña – ein Tanzstudio mit großem, Flamenco-tauglichem Saal inkl. Begegnungsraum. Es ist ein Flamencostudio mit langer Tradition in Wien, das der Flamencoverein vor ein paar Jahren vor dem Ruin gerettet hat (verflixte Corona-Zeit!) und seither erfolgreich weiterführt. Ein großes Glück für die Wiener Flamencoszene!
Für ein Konzert mit Tanz ist dieser Raum allerdings wirklich ungewöhnlich – es gibt keine Bühne mit Lichtanlage, es gibt kein Soundsystem, das man von anderen Live-Konzerten gewohnt ist, es gibt keine Trennung zwischen „Bühnenraum“ und „Publikum“. Alles findet buchstäblich auf einer Ebene statt. Was es gibt ist Nähe und Offenheit.
Und wer sich darauf einlassen kann, hat die Möglichkeit, etwas Besonderes zu erleben.
Flamenco – Tanz, Gesang, Gitarre
Elena La Granaina (Gesang) und Franklin Henao (Gitarre) haben sich gleich bereit erklärt, Carina La Debla an diesem Abend zu begleiten (Anm: wer wen im Flamenco begleitet werde ich hier nicht beschreiben aber ich finde, darüber könnte man auch noch nachdenken). Beide leben in Wien und widmen seit vielen Jahren einen Großteil ihrer Leben dem Flamenco. Elena La Granaina unterrichtet fix in der Peña „Baile por fiesta“ und „Cante“ und tritt als Flamencosängerin in unterschiedlichen Konstellationen auf – oft auch mit Franklin Henao, der nicht nur ihren Gesangsunterricht begleitet, sondern auch sein Flamenco-Gitarrenspiel auf Bühnen zeigt.
Ich bin mit beiden schon sehr lange befreundet und bin im Laufe meiner Flamencozeit schon mit beiden auf der Bühne gestanden. Es war schön, sie an diesem Abend mal aus der Perspektive des Publikums hören und sehen zu können (ganz ohne eigene Nervosität auf der Bühne). Schön und beeindruckend!
Carina La Debla kenne ich nicht persönlich, obwohl das irgendwie seltsam ist. Wir sollten uns kennen, aber unsere Wege haben sich immer nur zeitlich versetzt gekreuzt. Natürlich spielt das keine Rolle, ob ich jemanden kenne oder nicht, wie mir das Konzert gefällt. Macht es einen Unterschied im Dabeisein? Aber sicher! Wenn ich Geschichten mit Menschen verknüpfe, nehme ich den Abend anders wahr. Dann fühle ich eine andere Nähe. Bin ich dann unkritischer? Who cares! Warum sollte ich „besonders kritisch“ oder besonders objektiv sein?
Nah und roh
Alles in allem war es für mich ein sehr zerbrechlicher Minimalismus-Abend, getragen von Mut und Verletzlichkeit. Und genau das hat ihn für mich so besonders gemacht. Elena La Granaina und Franklin Henao sind gut eingespielt und konnten damit Carina La Debla einen Rahmen geben, in dem sie – in diesem außergewöhnlichen Setting – tanzen konnte.
So nah.
Es gab nichts und niemanden, hinter dem sie sich hätte verstecken können. Wenn sie da war, gab es kein Ausruhen, keine Ablenkung. Die meiste Zeit hatte ich das Gefühl, dass die drei gut eingespielt waren… und dann kamen die besonderen Momente, wo man subtil bemerkte, dass etwas so nicht geplant war (Anm: sie waren in Wirklichkeit nämlich garnicht „eingespielt“, denn es gab aufgrund des knappen Zeitplans kaum Probezeit. Sie waren alle drei einfach nur gut und sicher im Flamenco!): Wie ein verschobener Stop oder ein Missverständnis im Ablauf innerhalb einer Nummer.
Hier zeigte sich, was ein Pocket Concert wirklich kann
Nämlich Menschlichkeit in den Raum lassen, Professionalität und Freude. Und das war es, was mich wirklich berührt hat: Zu sehen, wie alle drei in diesen Situationen miteinander umgegangen sind, zu erleben, dass alle drei für das gemeinsame Konzert alles gegeben haben.
Einmal betone ich es noch, bevor ich den Text beende: Was Carina La Debla an diesem Abend gezeigt hat war, abgesehen von ihrem Können und ihrer Musikalität im Tanz, wirklich großes Kino. Sich so ungefiltert und so nahe vor ein Publikum zu stellen, ganz ohne räumliche Distanz, ohne Schutz einer „abstrakten Kunst“ (das kann ich an anderer Stelle auch noch ausführen, wenn wer mag) und nicht eingebettet in ein Konzertprogramm oder ein spezielles Setting, Tablao oder Straßenfestival, und ohne Auffangnetz – das feiere ich sehr!
Das Format der Peña Pocket Concerts ist in Wien übrigens ganz neu und funktioniert übertragen auf Flamenco super gut. Im März wird es das nächste geben (alle Termine stehen übrigens im Flamencokalender)
Zum Programm
Sevillanas (Tanz, Gesang, Gitarre),
Milonga (Abschluss Abandolao) (Gesang, Gitarre),
Soleá (Tanz, Gesang, Gitarre),
Nostalgias por Bulería (Gesang, Gitarre),
Alegría (Tanz, Gesang, Gitarre),
Sevillanas (por fiesta, mit allen)
Tanz: Carina la Debla
Gesang: Elena la Granaina
Gitarre: Franklin Henao
Nützliche Links
Webseite von Carina La Debla
Der Wiener Flamencoverein Peña Flamenca La Granaina
Flamencokalender des FlamencoArtelierWien
Unterricht von Elena La Granaina in Wien



