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Tagebuch – Flamencofestival tanzhaus nrw Tag 3

Das tanzhaus nrw hat Teile meiner Reise zum diesjährigen Flamencofestival finanziert (Unterkunft&Konzertkarten). Heute war ein intensiver Tag, ich war müde, neuer Kurs, viel gesehen, wieder Guerrero … Ich fasse mich kurz…

Workshop #flamencoempiricomethod von Juan Carlos Lérida

Es ist ja so: heute war der gefürchtete dritte Tag und er war gut. Müde war ich sowieso, aber das machte nichts. Habe ich überhaupt schon erzählt, was wir machen? Wir lernen Choreographie-Teile (inzwischen sind es vier) und arbeiten an Polyrhythmen (eine verwobene Überlagerung von Clave Cubano, Tangos, Soleá por Bulerías und Seguiriya), daraus entsteht gerade ein fünfter Teil. Und wir improvisieren damit und darin.

Und – was eigentlich unüblich für einen Improvisations-Kurs von Juan Carlos Lérida ist – wir üben rasend schnelle, komplizierte Zapateadosequenzen. Und davon gleich mehrere. Fast könnte man ja aufgrund der Impro-Geschichte vergessen, dass Lérida das auch in sich hat… uff. (Aber in Wirklichkeit mag ich das sehr!).

Foto von Julia Petschinka beim Flamencofestival in Düsseldorf 2018

Workshop „Alegrías“ von Eduardo Guerrero

Die beiden Kurse gleich nacheinander zu haben ist ein extremes Kontrastprogramm. Und daher auch schon mal gut. Der Kurs ist gesteckt voll und aufgebaut wie eben ein klassischer Workshop. Mehr fällt mir jetzt dazu aber auch nicht ein.

Was dieses Mal recht ungangenehm für mich ist: der erste Workshop (Juan Carlos Lérida) hört um 13 Uhr auf , der zweite beginnt um genau 13Uhr. Ich hatte dazwischen weder Fr/Sa noch So/Mo ein paar Minuten pause. Das ist nicht gut geplant, denn nach so einem intensiven Kurs mit Improvisation und tiefem Eintauchen brauche ich die Möglichkeit, wieder aufzutauchen, bevor ich mich gut und gerne anderen Themen und LehrerInnen widmen kann.

Flamencointervention: „Mario Maya“ von Leonor Leal

Das war ja wohl das allerbeste ever! Leonor Leal hat aus einem Bedürfnis der Horizonterweiterung ein Masterstudium „artes escenicas“ gemacht (wie heißt denn das auf deutsch???). Dort ist ihr aufgefallen, dass der Flamenco garnicht erwähnt wird – also hat sie das geändert und eine Arbeit über Mario Maya und  sein Stück „camelamos naquerar“ geschrieben.

In diesem Zusammenhang hat sie über DIE bekannte Martinete geforscht, ist von Mario Maya zu Antonio el Bailarín gekommen und noch weiter zu den so genannten „Esquineros“ der Tablaos, die mit ihren Schritten die Bewegungen der Tänzerinnen unterstützten. Ich habe, wie bei einem Vortrag üblich, ewig viele Notizen gemacht. Es war auch wirklich alles so wahnsinnig interessant!

Über Leonor Leals Arbeit steht auch hier auf Flamenco Divino etwas geschrieben.

Ausschnitte ihrer Arbeit präsentierte sie heute beim Festival – als Vortrag mit Videobeispielen und getanzten Sequenzen. Ganz ausgesprochen großartig und ich bin extrem froh, dass ich das miterlebt habe!

Flamencointervention „Schrägevogel“ von Anja Abels

Heute trat Anja Abels im Foyer des tanzhauses mit „Schrägevogel“ auf, das sie im Sommer 2017 in Wien bei „Verbieten verboten… im Raum Flamenco“ gezeigt hat. Ich fand es großartig und sehr passend in diesem Raum und Rahmen!

Konzert: Guerrero von Eduardo Guerrero

Ich habe mir das Stück natürlich ein zweites Mal angesehen. Heute war es viel sanfter als gestern. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass alle Mikros etwas leiser waren. So konnte ich auch Nuancen der wunderbaren drei Sängerinnen genießen und überhaupt: dieses Überlaute im Flamenco halte ich nicht gut aus. Aber heute war es ja eh nicht so.

Ich habe heute auch die Gelegenheit genutzt, mir nochmals genauer die Szenographie anzuschauen. Das Bühnenbild ist extrem simpel und doch wirkt die Bühne nie verlassen oder leer. Die drei Sängerinnen sind immer präsent und sie füllen gemeinsam mit Licht und Ton den Raum gut – und den Rest erledigt ohnehin Eduardo Guerrero mit seinem großen, gestenreichen Tanz. Ja, ich schaue ihm sehr gerne beim tanzen zu. Es ist faszinierend zu sehen, was er alles kann und macht. Ich finde, man sollte sich Eduardo Guerrero jedenfalls anschauen gehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Er ist eine wichtige und unglaublich talentierte Person im aktuellen Flamenco.

Aber zurück zu Guerrero, dem Stück.

Im Stück geht es ja um die Beziehungen Guerreros zu den Frauen. Geschlechterkampf ist das keiner, eher eine Beziehungsdarstellung. Finde ich ohnehin besser von dem Wort „Guerrero“ (Krieger) losgelöster zu sein. Aber so ist eben der Titel. Und Krieger impliziert wohl auch Gewalt, Aggression und Schmerz. Oder nicht? Ich empfinde einige Szenen als gewaltsam – auch wenn im anschließenden Publikumsgespräch klar gestellt wurde, dass das sicherlich nicht die Intention war und Frauen hier nur wohlwollend und bewundernd dargestellt werden. Für mich war das nicht ganz so.


Aber gut, unterschiedliche Meinungen sind ja auch ganz gesund. Mich stört es jedenfalls nicht, wenn ich dieses Stück nicht als so großartig empfinde, wie viele andere und sogar die Jury der Premios Max, einem der wichtigsten Tanzpreise in Spanien. Denn „Guerrero“ ist gleich in drei Kategorien nominiert: Bester männlicher Tanz (Eduardo Guerrero), bestes Stück (Guerrero) und beste Kostüme.

Was ich an „Guerrero“ dem Stück und Guerrero dem Tänzer so toll finde sind die Reaktionen. Sie sind so intensiv und leidenschaftlich. Nicht einer Meinung, aber intensiv. So schreibt die Flamencotänzerin La Cati etwa einen euphorisierten „Liebesbrief“ auf Facebook, was ich wirklich großartig finde!

Morgen ist schon Montag und ich werde nur den halben Festivaltag dabei sein. Das heißt: für mein Tagebuch war es das auch schon wieder. Zu Mittag gibt es morgen die Gelegenheit, in den Workshop von Juan Carlos Lérida zu kommen, um zu sehen, woran wir gearbeitet haben. Außerdem zeigt Ana Morales, woran sie in der Residenz mit Michio Woingardt und Juan Antonio Suárez „Cano“ gearbeitet hat.

Gute Nacht!