Aus Athen: Coetáni – Experimental Flamenco Festival 2016

Am Dienstag hat Coetáni, das Festival für experimentellen Flamenco, in Athen begonnen. Noch bis Sonntag treffen sich experimentierfreudige FlamencokünstlerInnen in Athen, um zu lernen, lehren, herzuzeigen und zu sehen. Heute ist mein letzter Festivaltag, er ist noch nicht ganz zu Ende, aber jetzt habe ich Zeit, zu schreiben.

Das Studio und die Workshops

Während ich diesen Beitrag schreibe sitze ich im Hof des Studios „Playground„, wo ein Großteil des Festivals stattfindplayground_hofet (die Workshops und die Performances/Screenings heute Abend). Ja, im Hof! Ich höre einen Classico Español-Bolero einem der oberen Tanzsäle. Ja, es gibt mehrere Säle! Dieses Studio ist für mich wie ein Traum. Manchmal klingen Kastagnetten aus dem Saal.

Valeriano Paños: Baile Estilizada

Es ist die Klasse von Valeriano Paños. Ich habe mir das vorher kurz angeschaut und mich gefragt, was das ist, was er unterrichtet. Ich konnte mir keine Antwort geben, also habe ich Rafael Estévez gefragt, der auch hier im Studio herumsitzt (sein Workshop war die letzten vier Tage in der Früh, jetzt wartet er auf Valeriano). „Es ist Baile Estilizada“, sagte er. Also etwas, das aus dem Fundus von Classico Español und der Escuela Bolera schöpft und auch in dieser Welt zu Hause ist – aber durch eine persönliche Interpretation verändert wurde. „Baile del Autor“ hat er das, glaube ich, genannt.

Ah, die Klasse ist aus und nun probt wahrscheinlich jemand für den Auftritt am Sonntag mit Satem Centum. Ich höre griechische Musik (haha, hier lest ihr mein Unwissen – was heißt „griechische Musik“? Tut mir leid.) und Flamenco-Zapateados. Großartig!

Später werde ich noch mit Noemí Luz proben – sie hat heute ihren Auftritt und hat mich gebeten, ihr zu assistieren. Ich soll Wörter beitragen und in den passenden Momenten die Musik ein/ausschalten. Ich bin gespannt.

Olga Pericet & Paco Villalta: Movement and Image

Vorhin kamen Olga Pericet und Paco Villalta ins Playground-Studio, um sich den Raum anzusehen, in denen ihre KursteilnehmerInnen die Präsentation machen werden.

coetani_movementimageOlga Percet (Tanz) und Paco Villalta (Fotographie) haben seit Montag zu Thema „Movement and Image“ einen Workshop gegeben – im Tanzsaal, wo die Workshops stattfinden, hängen einige der Fotos, die währen des Workshops entstanden sind. Die TeilnehmerInnen haben mir erzählt, dass Olga Improvisationsanleitungen gibt und ein paar fixierte Abläufe einstreut und Paco Fotos macht. Die Fotos sind Momente und Posen, die als weiterer Input für Improvisationen dienen können und zum Ambiente beitragen.

Rafael Estévez: Técnica y Coreografía por Tangos

Der Kurs von Rafael Estévez zum Thema „Técnica y Coreografía por Tangos“ war für mich großartig. Wie schon nach meinem ersten Kurs bei ihm in Düsseldorf vor 2(?) Jahren, bin ich total fasziniert von seiner Musikalität – von dem Swing der Schritte, dem Rhythmus und auch der Zapateado-Technik, die sich auf die Bewegung des Fußgelenkes konzentriert. Und wenn Rafael Estévez sagt, er liebt sowohl das experimentelle, als auch das orthodoxe im Flamenco, dann glaube ich ihm das sofort. Wegen seiner sehr klassischen Flamencoausbildung legt er sehr viel Wert auf ausgewogene, schön komponierte Formen und Linien und würde am liebsten, sagt er, auch einen Kurs nur für Brazeos und Marcajes unterrichten. (Aha, denke ich – das wäre doch mal was!). Seine Tecnica-Schritte sind oft in einem 5-er Rhythmus fern jedes Flamenco-Palos (passen aber natürlich über den Compás gestreut schon überall rein), sein Tangos-Repertoire ist überraschend und sehr sehr melodiös.

Rosario Toledo: Alegrías

Der Workshop von Rosario Toledo geht leider an mir komplett vorbei – er findet an allen sechs (!) Festivaltagen jeweils am Abend statt. Ich hoffe, ich kann heute noch ein bißchen zuschauen. Heute habe ich mir extra einen Studio-Tag eingeteilt. Eben auch, um die Geräusche einzufangen, Menschen zu treffen und zu erleben, was in den Kursen so passiert. Was ich bisher vom Kurs von Rosiario Toledo mitbekommen habe: es geht um die Welt von Alegrías, es sind viele TeilnehmerInnen und sie sind sehr zufrieden.

Was ich paralell verpasse, weil ich nicht an allem teilnehmen kann und was ich verpassen werde, weil ich morgen wieder zurück nach Wien fliege: Am Samstag und Sonntag finden noch weitere Kurse statt und es gibt an den Abenden jeweils Konzerte. Das genaue Programm gibt es auf der Festival-Website.

Die Performances / Konzerte am Mittwoch und Donnerstag

Die Performances bisher fanden in ganz fantastischen Theatern in Athen statt: Rabbithole und Sfendoni Theater. Ideale Orte für Flamenco, so wie ich ihn gerne habe. Nicht zu groß, nicht zu „clean“/glatt. Es waren Orte, die irgendwie roh und stark wirkten.

Ich habe mein next.duo am Mittwoch im Rabbithole gezeigt – nach dem Stück „Requiem“ von Alexis Tsiamoglou (Choreographie) und Niovi Benou (Tanz) und vor dem Stück „Al mal tiempo buena cara“ von Rosario Toledo.

Requiem

coetani_requiemNiovi Benou und Alexis Tsiamoglou zeigten mit „Requiem“ einen Ausschnitt aus ihrem neuen Stück. Eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie persönliche Geschichten und Erfahrungen in die „Flamencowelt“ eintreten und diese verändern. Es ist ein Stück mit viel Text. Und vielen Tischtennisbällen. Niovi erinnert sich an den Tangos „Rosa Maria“ von Cameron und Paco de Lucia – und an den Moment, als sie zum ersten Mal eine japanische Flamencotänzerin in einem Concurso tanzen gesehen hat. Eine große Rolle spielt auch Jim Jarmuschs Film „Limits of Control“.

Using ‚Limits of Control” by Jim Jarmusch as a point of entry, we ask how we can take some distance from what many see as flamenco’s “essence”, and, in the quest for new experiences, be led to unknown contexts. (von: http://www.coetani.com/wednesday-211.html)

next.duo

Nach den vielen Bällen und dem dunklen Licht und nachdem Niovi eine Petenera in eine Friedhofs-Kerze gesungen hatte, zeigte ich mein next.duo. Der Rahmen war ideal für das Stück. Es hat für mich gut funktioniert, auch wenn einige Sequenzen anders geworden sind, als ich das wollte. Aber auch das war stimmig.

On a closer look, next.duo“ is about the twistet eternety of vampires. (von: http://www.coetani.com/wednesday-211.html)

Auch für mich war ein Jim Jarmusch-Film einer der Ausgangspunkte für meine next/ex.duo-Welt: „Only lovers left alive“, und das fand ich eine wundervolle Verbindung zu „Requiem“ von Niovi und Alex. Es war für mich sehr interessant, danach mit einigen Menschen aus dem Publikum über das Stück zu sprechen. Sie fragten mich, ob ich die Geschichte in meinem Stück rückwärts erzählen würde (nein. oder ja? so habe ich das noch nicht betrachtet). Und ob ich die Geschichte einer Beziehung erzählen würde (ja und nein. Eher mehrere Beziehungen). Und ob das also vom Ende bis zum Anfang wäre (ich sehe es eher ohne Ende und ohne Anfang. Ewig, sozusagen). Und jemand dachte am Anfang, ich würde durch die Wand gehen, wie in Matrix (ich stand nahe an einer Wand statt in der Mitte der Bühne)…

Al mal tiempo buena cara

Rosario Toledo wirbelte mit ihrem Stück  „Al mal tiempo buena cara“ den Saal auf. Sie bewegt sich in der Welt der Cantiñas und der „¡olé!´s“. Was ich aus der Garderobe mitbekommen habe: sie singt Letras, sie lacht, das Publikum lacht, ihre Letras werden immer ernster, das Publikum lacht und es gibt Szenenapplaus. Ihre Zapateados sind rasend schnell. Dann Piano-Musik und ernsthafte Stille. Frenetischer Applaus und Rosario kommt in Unterwäsche in die Garderobe. Glücklich. Auch das Publikum.

LACŪNæ

Die Festivalorganisatorin/kuratorin Yiota Peklari zeigte gestern im Sfendoni Theater ihr neues Stück „LACŪNæ„.

The new performance of Yiota Peklari tries to infiltrate the vacuous space of improvisation. (von http://www.coetani.com/thursday-311.html)

Auf der schwarzen Bühne liegt ein langer, weißer Weg, den Yiota Peklari entlangschreitet. Sie nimmt den Klang der Schritte auf (ah, sie geht auf einer Blasen-Folie!), spielt sie als Loop immer wieder ab. Sie bewegt sich an den Anfang zurück, nimmt ihre Stimme als weitern Loop dazu, bewegt sich und nimmt in den Loop auf, bis ein volles Lied entsteht. Und das ganze dann retour bis zum Stillstand. Für mich war LACŪNæ ein sehr poetisches, innerliches Stück. Klar. Zart und wie ein Punkt.

Silencios

Zum ersten Mal seit über zehn Jahren stehen Rafael Estévez und Valeriano Paños alleine zu zweit auf der Bühne. Ohne MusikerInnen. Ohne weitere TänzerInnen. Für Silencios haben die beiden wieder mit Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola zusammengearbeitet, der auch schon ihr Stück „Romances“ als Regisseur geformt hat.

It will be the two of us, in our essence, building a conversation from the rawness of silence, complementing each other with material from our conceptual and vital languages. (von http://www.coetani.com/thursday-311.html)

Für mich war das Stück schwierig, ich habe nicht hineingefunden. Das Publikumsgespräch danach hat mir geholfen, ein paar Gedanken zu ordnen.

  • Es ist ein Raum, aus dem nichts herausdringt. Kein Licht, kein Ton.
  • Inspieriert von John Cage
  • Blutfluss – der tiefe Klang
  • nervöse Nerven – der hohe Klang
  • kein Drama – herausstreichen und zeichnen

Ja, es gab großartige Sequenzen. Valeriano Paños riskierte viel in seinen Bewegungen, er war am Rande seiner Kontrolle und das war faszinierend. Rafael Estévez war elegant und dann wild. Auch das war mitreißend. Und dann waren viele Szenen, die ich nicht zuordnen konnte. Mir bleibt ein Fragezeichen.

Auch das Fragezeichen nach: Warum war Yiota Peklari nicht Teil des Publikumsgesprächs? Ich hätte gerne über ihr Stück gefragt und geredet!

Was noch kommt Freitag/Samstag/Sonntag

Heute, am Freitag, finden in den Playground Studios in unterschiedlichen Räumen Performances und Screenings statt:

Alle weiteren Programmpunkte von Samstag und Sonntag gibt es auf der Webseite www.coetani.com zu finden. Es ist ein großartiges, sehr umfangreiches und mutiges Festival mit mehr als 30 KünstlerInnen aus über 10 Ländern. Ich hoffe, es wird viele weitere Coetani-Festivals geben! Solche Begegnungen, Orte und Möglichkeiten sind so wichtig.

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