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Tagebuch – Flamencofestival im tanzhaus nrw, Tag 1

Das tanzhaus nrw hat Teile meiner Reise zum diesjährigen Flamencofestival finanziert (Unterkunft&Konzertkarten). Ich schreibe wieder Tagebuch. Heute war der erste Tag und ich bin gegrillt, denn…

Ich habe recherchiert: vor genau 10 Jahren war ich das erste Mal hier beim Flamencofestival – Wahnsinn, 10 Jahre! Damals habe ich unter anderem „Chanta la Mui“ gesehen, den Filmemacher Peter Sempel kennengelert und Souvenir/La Voz de su Amo gesehen. Es war ein prägender Festivalbesuch. Denn ich habe auch einen Workshop bei Montse Sánchez von Increpacion Danza besucht (ah, Erinnerungen! Ihre Workshops waren immer beeindruckend, poetisch und faszinierend!) und einen Workshop bei Juan Carlos Lérida besucht (Improvisation!). Warum ich das erzähle? Heute war ich wieder in einem Workhsop von Juan Carlos Lérida – und er wurde dann auch gleich ein bißchen sentimental, als ich ihm von diesem 10jährigen Jubiläum erzählte.

Damals schrieb ich über seinen Kurs:

Aber die Krönung des ganzen ist der Kurs „Improvisacion y composicion“, wo wir zu fünft an Impro-Techniken arbeiten und das Buch „el libro de los heramientas de la propria creatividad“ (oder so) beginnen. Hausübung gibts auch: 3 Bilder, wo je eine Person in irgendeiner Bewegung drauf ist.

Aber ist immer das gleiche: Genialen Lehrer gefunden, nach 2 Tagen ist alles vorbei… Ach

In Wirklichkeit, aber das wusste ich damals noch nicht, war natürlich nicht alles aus, sondern es begann.

Jetzt aber zu heute:

Workshop Repertorio #flamencoempiricomethod Juan Carlos Lérida

Es ist ja auch wirklich viel passiert in den letzten 10 Jahren… die ganze „Flamenco Empírico“-Welt entstand, mit den Festivals, Kooperationen und der #flamencoempiricomethod. Die ist Thema des diesjährigen Workshops. Ok, sie ist seit 10 jahren Thema dieser Workshops zum Thema „Improvisation und Kreation im Flamenco“, aber als Methode mit eigenem Namen eben noch nicht.

Ich habe heute außer Schritten, Atmung etc einen so großartigen Hinweis zum Weiterlernen bekommen, dass ich am liebsten stundenlang nur das ausprobieren will: den Takt (Compás) im Ungleichgewicht finden. Also nicht stabil stehen oder sitzen und dann im Takt klatschen, beispielsweise. Sondern in Postitionen, aus denen man womöglich im ungünstigsten Takt-Moment herausfällt. Habe ich gleich ausprobiert im Kurs und es ist toll. „Synapsendisko“, sagt Anja in solchen Augenblicken!

Wir lernen außerdem Teile von bekannten Choreographien (klingt, als wäre es „common sense“… ja, aber manche kenne ich schon aus Bühne und YouTube), wie die diagonale Grenzüberschreitung aus „El Arte de la Guerra“ oder Teile der Guajira mit Fächer zu elektronischer Musik. In den nächsten Tagen, glaube ich, sollen wir mit diesem Material selbst etwas machen – verändern, modifizieren etc.

Und wir summen/singen eine Malagueña: ay, tristeza // no me entretengas // tristeza // ay, voy a buscar la alegría // con ella estoy (2x) // una hora // contigo el resto del dia // no me entretenga // tristeza, ay

Workshop Future Folklore mit Anna Natt

Ohne Pause wechsle ich den Saal zum Workshop mit Anna Natt. Und ich wollte es Dorothee Schackow, der künstlerischen Leiterin des Festivals heute noch zurufen: „Danke!“. Dieser Workshop ist so eine unglaubliche Bereicherung! Anna Natt forscht mit uns zum Thema Folklore …

  • Warum haben folkloristische Tänze seit Ewigkeiten immer ganz einfache Formen und Abfolgen? Kreise, Quadrate, Kreise in Kreisen in Kreisen, Linien, Dreiecke?
  • Was ist das Gute an Folklore? Sie hat ja eine unglaublich postive Kraft der Verbindung, des Gemeinsamen. Aber auch eine zerstörerische Wirkung, wenn man das Thema Ausgrenzung näher betrachtet.
  • Was kann Folklore in einem politischen Kontext bewirken, wie kann sie helfen, zueinander zu finden ohne auszugrenzen?
  • Was bleibt von Sevillanas, einer spanischen Folklore, wenn man Kostüm, Takt, Schritte weglässt. Was ist die Basis, der Grund, die Essenz?

Wir tanzen also Sevillanas in so vielen Variationen, streichen nach und nach weg – vereinfachen oder vermehren, je nachdem. Wir beginnen mit allem: Musik, Schritte, Handkreise, alles eben. Dann lassen wir weg…

  • keine Musik mehr
  • keine Handbewegungen
  • keine Armbewegungen
  • keine Schritte, die den Takt markieren würden

Was bleibt? Bewegungen aufeinander zu und voneinander weg. Platzwechsel. Seitwärtsbewegungen. Platzwechsel. Vier mal. Ende.

Wir verringern den Raum zwischen uns. Dann noch weniger Raum. Bis wir uns tatsächlich berühren. Das ist ja auch sehr ungewöhnlich in den Sevillanas, wo man sich berührt, ohne sich tatsächlich zu berühren.

Wie ist es nun? Mir ist viel klarer geworden, was dieser erste Teil der Sevillanas sein kann. Morgen dann mehr, darauf freue ich mich.

Übrigens: das beste Fundstück aller Zeiten!!!

Foto mit Pfefferstreuer und Medikamentenpackung
Ich habe das gefunden. Jemand hat es im tanzhaus nrw gelassen. Ich war das nicht.

“Primer Acercamiento al 12”- “First Approach to 12”- “Erste Annäherung an die 12”

Juan Carlos Lérida erarbeitet ein neues Projekt – 12. Gemeinsam mit Vera Köppern ist er hier im Tanzhaus in einer Residenz und forst, tanzt, improvisiert, diskutiert, kocht.

Nach den beiden Workshops heute, werden Anja Abels und ich in ihre Küche entführt. Wir nehmen teil, beobachten den Koch, essen und schwelgen in Erinnerungen. Dabei ist auch Fernando LR Parra, der morgen seinen Film „Civil servants of the art?“ präsentieren wird. Danach verstricken wir uns in Diskussionen über Kreise, Traditionen, Fragen, Fragen, Fragen. Die Dokumentation der Residenz kann man bei Juan Carlos Lérida nachlesen, das kann ich empfehlen – hier kann man sozusagen einem neuen Projekt beim wachsen zusehen.

Konzert: Nocturno – alles, was in der Nacht passiert.

Ohnehin schon sehr müde vom ganzen Tag sitze ich dann im Konzert und es geht um die Nacht. Schlafen, denke ich. Wünsche ich mir. Ich schlafe dann natürlich nicht ein, denn … dieser Perkussionist, Antonio Moreno, kann das alles echt sein, was der macht? Faszinierend. Dabei reiste er mit „kleinem Sound-Gepäck“ an, wie ich später im Publikumsgespräch erfahre.

Nocturno ist ein Projekt der Tänzerin Leonor Leal, das sie gemeinsam mit eben diesem Perkussionisten (Antonio Moreno!) und dem Gitarristen Alfredo Lagos unter der Regie von Maria Muñoz entwickelt. Nein, keine Vergangenheitsform – sie sind in der Hälfte der geplanten Arbeitszeit von zwei Jahren. Es geht „um alles, was in der Nacht passiert“, um Fantasien, die sich mit Erinnerungen vermischen. Um verdrehte Erinnerungen, um Träume, Bilder, Überzeichnungen,… Die drei haben sich zu Beginn ihrer Zusammenarbeit auf eine wichtige Sache bezüglich des Projekts geeinigt: es wird keinen Gesang geben. Denn der Gesang im Flamenco gibt zu viel vor – er bestimmt Höhepunkte, Abschlüsse, Extasen und Phasen der Ruhe. Der Gesang macht es einem diesbezüglich einfach, beschränkt aber auch, wie Leonor Leal im Gespräch erzählt. Also sind sie zu dritt. Mit Gitarre und gefühlten 1000 Perkussionsmöglichkeiten.

Meine Müdigkeit macht mir zu schaffen im Konzert. Manchmal wünsche ich mir einen einfacheren Flamencoabend herbei. Mit Gesang, Pomp und Trara – ohne Geschichte, die ich mir ausdenken soll (soll ich überhaupt?), ohne Szenen, die gespielt werden (werden sie das überhaupt?) . Mir fallen die Augen zu und springen dann wieder auf. Ich will das hier nicht versäumen. Schon gar nicht diese sensationellen Perkussionseinlagen!

Danach gibt es ein Publikumsgespräch mit Susanne Zellinger.

foto publikumsgespräch beim flamencofestival im tanzhaus nrw 2018
Publikumsgespräch, vlnr: Susanne Zellinger, Leonor Leal, Alfredo Lagos, Antonio Moreno. Die Bilder im Hintergrund zeigen Eduardo Guerrero, der morgen hier auftreten wird. Sie sind von Fidel Meneses.

 

Und jetzt muss ich schlafen. Morgen treffen wir uns (noch) früher, um die Schritte und Choreographie-Teilchen aus dem Kurs von Juan Carlos Lérida zu üben. Es waren viele.